fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept


 




Martin Gansberger

(*1978, Villach, A)


Für Martin Gansberger, der neben seiner eigenständigen künstlerischen Arbeit lange Zeit gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Markus Gansberger sowie in diversen Kollektiven mit Sitz in Graz künstlerisch tätig war, sind kunstimmanente Fragestellungen häufig Ausgangspunkt oder Thema von Werken – Fragen nach der Autorenschaft, nach dem Wesen und den Grenzen der Kunst oder dem Umgang mit ihr. Methodisch setzt er gern partizipative oder prozessuale Praktiken ein und stellt Verbindungen zu kunstfernen Räumen oder öffentlichen Orten her. Seine Werke sind streng durchdacht und konzeptionell, was jedoch durch das bewusste Einbeziehen von Zufall, Improvisation und spielerischen Elementen meist durchbrochen wird.

„Endlosschleife1“ ist eine 2005 entstandene Metallplastik in Würfelform mit einer Seitenlänge von 80 Zentimetern. Stahlformrohr bildet eine Linie, die sich von außen nach innen entlang der X-, der Y- und der Z-Koordinaten des Kartesischen Koordinatensystems in vier verschiedenen, vom Künstler festgesetzten Längen im Innenraum eines imaginären Würfels fortbewegt, ohne sich zu berühren – fortsetzbar bis in die Unendlichkeit. Der Würfel, einer der Platonischen Körper, also der Körper mit der größtmöglichen Symmetrie, wurde als perfekte Form gewählt. Die Plastik wird von sechs quadratischen Siebdrucken begleitet, die drei zweidimensionale und drei dreidimensionale Idealansichten der Endlosschleife zeigen.

Doch so ideal und streng das alles auf dem Papier erscheint, ist es nicht! Bei der Herstellung der Plastik mussten Fehler im Laufsystem der Linie eingebaut werden, es musste bewusst improvisiert werden, damit sich die Rohre nicht doch gelegentlich berühren. Und an den Knotenpunkten, dort, wo sich die Richtung der Linie im rechten Winkel ändert, sind Schweißnähte auf den Formrohren sichtbar. Auch lassen die Mäander keine wirkliche Stabilität aufkommen. Auf den Knotenpunkten lastet zu viel Eigengewicht, was zu einem Verzerren der rechten Winkel und letztendlich zur (geplanten) Selbstzerstörung führen wird. Nur die Holztransportkiste, die während der Präsentation des Werkes in Ausstellungen als Sockel dient, bewahrt die Plastik vor der Zerstörung und hält sie in Form, solange sie sich in ihr befindet.

„Endlosschleife1“ ist ein abstrakt-geometrisches Modell, mit dem Martin Gansberger Fragen der Zeitlichkeit und Fragen der Kunst aufgreift und miteinander verknüpft. Wie muss man ein Kunstwerk handhaben, um es zu bewahren? Welche Rolle spielt die Präsentation? Wie ist der Zusammenhang zwischen zeitenthobener Idealvorstellung und realer Ausführung? Und was ist Kunst überhaupt, ist es die Idee oder die Ausführung? Und in Zusammenhang damit: Ist der Schlosser, der das Werk nach seiner Selbstzerstörung schlussendlich wieder schweißen wird, dann (auch) ein Künstler?


© Magdalena Felice




Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: G. Gobbato

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: C. Zimmermann

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: F. Neumüller

Martin Gansberger, Endlosschleife1, 2005, Stahlformrohr, 80 x 80 x 80 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller




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