fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept




Die Texte und Bilder dienen zu Ihrer Information und dürfen nicht weiterverwendet werden!




Markus Wilfling
(*1966, Innsbruck, A)


Bildhauerei steht bei Markus Wilfling für ein Weglassen und eine Reduktion auf das Wesentliche. Es geht ihm neben der „Beschreibung der Dreidimensionalität“ immer auch „… um das Sichtbarmachen von etwas, was unsichtbar ist …“ (1), um das Sichtbarmachen von Vorstellungen, Gedanken und Wahrnehmungsphänomenen.

„o. T. (Barke)“ ist die dritte Plastik des Bildhauers, in der er sich ausdrücklich mit dem Thema Bewegung auseinandersetzt und diese mit dem Fortbewegungsmittel Schiff verquickt. 2009 entsteht als erste dieser Plastiken, das „Schaukelschiff“. Formal stark reduziert wird in ihr die Schaukelbewegung zweier Kufen simuliert. Die zweite Plastik, der „Frachter“, zeigt einen auf zwei Kufen gesetzten Kubus. Er visualisiert die schwerfälligere, lineare Fortbewegung eines Volumens. In „o. T. (Barke)“ kommt eine Querbewegung sowie eine geforderte Bewegung in der Betrachtung hinzu.

Das Prinzip, auf dem die Konstruktion der Plastik „o. T. (Barke)“ beruht, ist das gleiche wie bei dem Zeichenspiel „Das ist das Haus vom Ni-ko-laus“, bei dem, simultan zu den acht Silben des Spruches, mit acht kurzen Strichen ein Haus gezeichnet werden muss, ohne den Stift abzusetzen: Es dürfen Schnittpunkte entstehen, aber die Linie darf nirgends zweimal gezogen werden. In „o. T. (Barke)“ verbinden vier Eisenstreben in einem Kreuz und Quer zwei räumlich versetzte, am Boden stehende, oben leicht geknickte Kreissegmente. Zusätzlich verbinden zwei kürzere Eisenstreben deren obere Enden. Sie dienen als Abstandhalter, bilden also die Tiefe des Objektes und geben ihm Stabilität. Frontal betrachtet, wenn die aus flachen Eisenbändern gebildeten Kreissegmente sich überlappen, erscheint die Plastik zweidimensional, symmetrisch und statisch. Dann sieht der obere Bereich aus wie ein horizontal gestrecktes Rechteck, dessen Ecken kreuzweise verbunden sind. Ändert man den Blickwinkel, offenbart sich die Dreidimensionalität und Dynamik des Objektes. Der Blick der Betrachtenden zieht die Linien kreuz und quer im Geiste nach. Gleichzeitig beginnt die inhaltliche Interpretation: Die vier langen Eisenstreben suggerieren mögliche Oberkanten eines Bootskörpers, der sich im Wellengang eines Gewässers hin und her, vor und zurück sowie auf und ab bewegt, und werden so in einer zeitlichen Abfolge als Bewegungssequenz lesbar. Der Zusatz „Barke“ im Titel – die Urform eines Schiffes ohne Mast und die Grundform eines Fortbewegungsmittels auf dem Wasser – bestärkt die inhaltliche Interpretation. Aus der Beschreibung linearer Bewegungen in den zwei früheren Plastiken wird hier eine sich im Raum vollziehende.



© Magdalena Felice



(1) Hartwig Knack, „Raum, Wahrnehmung, Bewegung – Über das Nichtsichtbare in der Kunst Markus Wilflings“, in: Markus Wilfling (Hg.), zwischen dem Raum, between the space, entre el espacio, Publication PN° 1 Bibliothek der Provinz, Weitra 2009, S. 86.




Markus Wilfling, o. T. (Barke), 2011, Eisen lackiert, 80 x 280 x 50 cm, Foto: F. Neumüller

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020/2021, Foto: F. Neumüller




Wilfling_187.jpg

Museum Moderner Kunst Kärnten • Burggasse 8 • 9020 Klagenfurt, Austria • ++43(0)50.536.34112 • office.museum@ktn.gv.at