fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept




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Mar VICENTE
(*1979, Lugo, E)


Mar Vicentes künstlerische Arbeit wurzelt in der Malerei, die sie als einfache geometrische Formen in einer reduzierten Farbpalette aus den Grundfarben Rot, Gelb, Blau (Grün wird ergänzt) umsetzt. Dabei geht sie aber weit über die Begrenzung durch die Leinwand hinaus. Aus dem zweidimensionalen Tafelbild wird ein dreidimensionaler Bildkörper, der keine Abbildfunktion mehr hat und als Objekt für sich selbst steht. Die bespannten Keilrahmen, aus denen sie ihre Raumobjekte herstellt, haben dabei ihre traditionelle Rolle verloren.

Der Farbe Weiß, die in Kombination mit den anderen Farben als Reflexionsfläche dient, kommt eine wichtige Bedeutungen zu: Sie ermöglicht ein reiches, nuanciertes Farbspiel für die umliegenden Farben, das über das Objekt hinausgeht und sich auf der Wand fortsetzt. Auch die Effekte, die durch das Licht hervorgerufen werden, sind für die Werke bildgebend: Die Bewegung des Betrachters wird durch die eigenen Schatten, die er auf die Objekte wirft, miteinbezogen und die Schatten werden zum Bestandteil des Werkes. Alles, was um das Bildobjekt herum passiert, wird somit wichtig, einschließlich der mehrfachen Ansichtsmöglichkeiten. Aus Bild, Rahmen, Komposition und Volumen wird in Kombination mit Farbe, Licht, Raum und der Bewegung des Betrachters ein interaktives Werk geschaffen, das seine Wirkung durch die strenge geometrische Reduktion ganz entfalten kann. Die Entgrenzung der physischen Gegebenheiten des Kunstwerkes führt zu einer komplett neuartigen Auffassung des Objektbegriffs und stellt fließende Grenzen zwischen minimalistischer Malerei, Prozesskunst und Lichtkunst (Lichtquelle außerhalb des Werkes) dar.

Das in der Ausstellung gezeigte Objekt der Künstlerin mit dem Titel „EN PARALELO I“ (2009) lässt auf subtile Weise all die erwähnten Eigenschaften von Mar Vicentes künstlerischem Schaffen erkennen. Es handelt sich um eine Abfolge von sieben quadratischen Objekten, die an rundherum mit Leinwand überzogene Keilrahmen erinnern und knapp nebeneinander mit ihrer schmalen Kante an der Wand montiert sind. Dabei wandern die Größen der Bilder in auf- und absteigender Form vom kleineren zum größten Bild und wieder zurück. Die Rahmen der Bilder sind sehr tief, wodurch die plastische Wirkung der Installation gesteigert wird. Jeweils eine Seite der Leinwand ist in einer der Grundfarben Rot, Gelb und Blau bemalt und trifft anschließend auf eine Leinwandfläche in Weiß. Durch die Dichte der Anordnung spiegelt sich die Farbe nun auf der nächstliegenden Fläche in einem differenzierten Farbspiel wider. Ebenso werfen die Leinwände Schatten (sowohl aufeinander als auch auf die Wand), die sich entsprechend der Bewegung des Betrachters verändern. Mit der Bewegung des Betrachters verändert sich aber auch der Ausschnitt an bemalter Fläche, die er wahrnehmen kann, wodurch sich ständig neue geometrische Formen als Streifen, Rechtecke und Linien ergeben. Das Werk zeigt in seiner seriellen, modularen Abfolge darüber hinaus einen starken lyrischen Gehalt und die auf- und wieder absteigenden Bildgrößen erinnern an den Ton eines Instrumentes, der leise beginnt, anschwillt und dann wieder leiser wird – und dabei variabel hörbar ist, je nach Standort des Betrachters.



© Sonja Traar






Mar Vicente, EN PARALELO I, 2009, Acryl auf Leinwand auf Holz, 80 x 120 x 50 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: F. Neumüller




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