fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept





Isabella Hollauf

(*1956, St. Georgen im Lavanttal, A)


Die Objekte von Isabella Hollauf sind in einem Grenzbereich zwischen Konzept- und Prozesskunst angesiedelt. Es handelt sich um zwei Gummiobjekte und um eine Plastik aus Karton, Papier und Klebestreifen.

Die Gummiobjekte („Faltungen“, 1991), bestehend aus jeweils zwei verschiedenfärbigen Gummischeiben, werden in einem einfachen, reversiblen Handlungsschritt hergestellt. Die Scheiben mit je einem Loch in der Mitte werden übereinander gelegt und dann nach vorne ausgeklappt, wodurch eine glockenartige Form zustande kommt. An einem einfachen Stift befestigt, heben sich die Objekte dank ihres Eigengewichts von der Wand ab. Die so in die Dreidimensionalität gebrachten Scheiben erinnern an hängende Blütenkelche von Orchideen und aus dem Industrieprodukt Gummi entsteht ein poetisches Objekt. Gummi, ein Stoff der sonst für Abdichtungen gegen das Austreten von Gasen, Flüssigkeiten oder Schall eingesetzt wird (also verwendet wird, um etwas zu blockieren) erfährt durch die leicht auszuführende Montage eine Öffnung – hin zu einem haptischen, lyrischen Objekt.


Die Idee hinter diesen Kunstwerken besitzt großes Gewicht, ebenso die analytische Vorgehensweise, wodurch sich die Gummiobjekte teilweise der Konzeptkunst zuordnen lassen (1). Ebenso wichtig erscheint aber der Prozess, die Aktion, die Intervention, die durch ihre Simplizität an Prozesskunst erinnert, wie sie bei Richard Serra zu finden ist. Serra experimentierte Mitte der 1960er-Jahre mit industriellen Werkstoffen wie Blei und Gummi, wobei die Materialien mit einfachen Eingriffen bearbeitet und in einen Bezug zum Raum gesetzt wurden. Mit ihren Gummiobjekten greift Hollauf verschiedene Tendenzen auf, die sich insgesamt aus der Minimal Art der 1960er-Jahre entwickelt haben – speziell aber die Objektkunst im Sinne einer Verfremdung von Alltagsgegenständen („Readymades“, Marcel Duchamp, ab 1913). Das Besondere an den Arbeiten der Künstlerin ist aber neben aller konzeptionellen und prozessualen Inhalte der hohe Grad an Sinnlichkeit, mit dem die von (dickem) Gummi ausgehenden Empfindungen und Assoziationen auf subtile Weise in poetische und mit taktilen Reizen versehene Kunstwerke überführt werden.

Die zweite Arbeit aus dem Jahr 1987 steht in der Tradition der Arte Povera. Zwei weiße rechteckige Kartonschachteln, aneinander gestellt, ergeben in einem Objektrahmen aus Plexiglas ein Diptychon. Auf die linke Schachtel sind aus einfachen braunen Klebestreifen geometrische Formen aufgeklebt: zwei Streifen und in der Mitte ein Rechteck. Auf der rechten Schachtel kleben zwei Papierknäuel aus Packpapier und erinnern an Rosenblüten. Aus „armen“, gewöhnlichen Materialien konstruiert die Künstlerin ein Werk zwischen Bild und Skulptur, das trotz der analytisch-geometrischen Einfachheit der Formen von lyrischer Vielschichtigkeit ist. Streng geometrische Formen stehen in konstruktivem Disput mit Zufälligem, im prozessualen Akt Entstandenem. Durch die Plexiglas-Box erfährt das Werk eine Idee von Erhabenheit und wird so gleichsam zum Kunstwerk erklärt, wertvoll und schützenswert.


© Sonja Traar


(1) Vgl. Henriette Horny, „Isabella Hollauf. Dichtungen 1989–1991“, in: Isabella Hollauf – Dichtungen 1989–1991, Isabella Hollauf (Hg.), Wien 1991, S. 9–10



Isabella Hollauf, Faltungen, 1991, Gummi gefaltet, 2-teilig, je 37,5 x 22 x 7 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: C. Zimmermann

Isabella Hollauf, o. T., 1987, Papier, Karton und Klebestreifen in Acrylglaskasten, 32 x 47 x 15 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: C. Zimmermann

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: F .Neumüller




Hollauf_187.jpg(2)

Museum Moderner Kunst Kärnten • Burggasse 8 • 9020 Klagenfurt, Austria • ++43(0)50.536.34112 • office.museum@ktn.gv.at