fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept





Günther Kraus

(*1930, Klagenfurt, A - 1988, Wien, A)


Günther Kraus, der vor allem aufgrund zahlreicher Werke im öffentlichen Raum in Wien und Kärnten bekannt wird, arbeitet bereits in den 1950er-Jahren mit einer geometrisch-abstrakten Formensprache. Schon in dieser Zeit erfährt er Anerkennung, die sich durch Aufträge, Ankäufe und Ausstellungen im In- und Ausland zeigt. Der erste wichtige Auftrag, bei dem der Künstler bereits mit einem prototypischen Formenvokabular auftritt, das in Österreich damals unikal dasteht, viel Aufsehen erregt und das für Jahrzehnte maßgeblich sein Œuvre bestimmen wird, ist die Bodengestaltung für den Parlamentsbau von Clemens Holzmeister in Ankara 1951 – ein abstraktes, streng geometrisches Mosaik aus „Elementformen“, das 1956 ausgeführt wird. Mit den „Elementformen“ entwickelt Günther Kraus, auf der Suche nach einem stabilen Ordnungsprinzip, eine überschaubare, universelle Formensprache, die an wenige ornamentale Typen, die beliebig kombiniert werden können, gebunden ist. Realisiert wird sie in Grafik (Eisenätzung), Malerei und Mosaik in einem harten Schwarz-Weiß-Kontrast, in der Skulptur in grauem Beton und hellem Marmor. Ihren Ursprung haben die Mosaikgestaltungen bei Kraus in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, wo er sein erstes Baumaterial findet. Der Künstler generiert überzeitliche Chiffren aus der Zusammenschau von historischen Ornamenten früher Kulturen, neuzeitlichen sowie modernen Erfindungen aus Kunst und Gesellschaft wie auch aktuellen visuellen Codes. Die signifikanten Zeichen sind an keinen Inhalt gebunden, es sind „Archetypen der Kommunikation“, die zum geistigen Dialog fordern sollen. Die prägnanten Zeichen sind aus den Elementarformen der Geometrie, aus Kreis, Dreieck und Quadrat abgeleitet: unter anderem Zackenlinien, Hantelformen, Mäander. Sie dienen Kraus in ihrer dichten Aneinanderreihung als von Mosaiken abgeleitete ornamentale Gestaltungskonzepte, die einem (gesellschaftlichen) Ordnungsgedanken folgen und „durch Harmonisierung eine Humanisierung der Welt“ (Günther Kraus) bewirken sollen (1). Oder sie werden als Einzelformen isoliert und in Grafik, Malerei und Skulptur zu geschlossenen Konstellationen nebeneinander gestellt.

Die Erfindung einer allgemeingültigen Symbolsprache leitet sich bei Günther Kraus aus einem tiefen inneren Anliegen ab, das sich auf grundsätzliche Fragestellungen der menschlichen Existenz bezieht, und aus dem Wunsch nach zwischenmenschlicher Kommunikation, die er im Bereich des Bildnerischen sucht. Ein religiöser, ideologischer, sozialer Impetus führt zu einer künstlerischen Arbeit, die sich zwar rein formal-ästhetisch in die Tradition der geometrischen Abstraktion eingliedert, die aber durch die spezielle inhaltliche Aufladung, die besondere Materialsprache und die Neigung zum Ornament am Rande der herkömmlichen diesbezüglichen Kategorien anzusiedeln ist.


© Christine Wetzlinger-Grundnig


(1) In dieser Hinsicht hat Günther Kraus bereits moderne Grundgedanken der Kunst im öffentlichen Raum – durch ein Ordnungsprinzip auf die komplexen Strukturen eines Ortes zuzugreifen und den unterschiedlichen Funktionen gerecht zu werden – vorweggenommen.




Günther Kraus, Destination, 1967, Eisenätzung auf Papier, 39 x 83,5 cm und Günther Kraus, Klagenfurt/Neuer Platz, 1971, Siebdruck auf Japanpapier, 39,5 x 63,5 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Günther Kraus, Biotop + Zeichen, 1969, Eisenradierung auf Papier, 77 x 50 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Günther Kraus, Elementarformen Krastal, 1972, Lithografie auf Papier, 86 x 61 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Günther Kraus, o.T., o.D., Eisenradierung auf Papier, 77 x 53 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: F. Neumüller




Kraus_187.jpg

Museum Moderner Kunst Kärnten • Burggasse 8 • 9020 Klagenfurt, Austria • ++43(0)50.536.34112 • office.museum@ktn.gv.at