fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept


Hier stellen wir die künstlerischen Positionen einzeln und in alphabetischer Reihenfolge digital vor.

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Gertrud WEISS-RICHTER
(*1942, Linz, A)


Gertrud Weiss-Richters Interesse galt schon immer der geometrischen abstrakten Gestaltung (1), dennoch wird erst in den 1990er-Jahren die gegenständliche Ikonografie zugunsten der reinen Beschäftigung mit Farbe und Form aufgegeben. Beides geht in seiner Erscheinung folgerichtig aus der Arbeit der letzten Jahrzehnte hervor. Die geometrischen Formen leiten sich aus der Beschäftigung mit der Architektur, mit Aufstiegshilfen, Treppen und Leitern, sowie mit Kreuz- und Kreisformen ab. Das Vokabular wurde ursprünglich aus der Naturabstraktion gewonnen, hat sich aber so weit emanzipiert, dass es als neutrales Mittel in einer logischen Ordnung, systematisch und frei von inhaltlichen Konnotationen, eingesetzt werden kann.

Gertrud Weiss-Richter malt Tafelbilder in Acryl (manchmal in einer Mischtechnik mit Kohle, Bleistift und Kreide) auf Leinwand in mittleren und großen Formaten, erzeugt Grafiken, vorzugsweise auf Transparentpapier, arbeitet seit den 1980er-Jahren mit Fotografie und gestaltet plastische Arbeiten und Installationen. Das Thema ist immer die architektonische, geometrische Form – Linie, Rechteck und Kreis. Die Elemente tauchen entweder als isolierte Grundelemente in den Werken auf, am häufigsten schmale Rechteckformen oder zeichenhafte Kreissegmente, oder sie sind zu gegenläufigen Spannungsereignissen komponiert oder zu Flächenarchitekturen verbaut. Die Linien werden entweder in geraden oder in rechtwinklig abgestuften Verläufen, parallel zur Bildkante und/oder als Diagonale, als Flächenteilung oder als eingeschriebenes Element, in ganzen oder segmentierten Rechteck-, Kreis- und Bogenformen geführt. Sie entstehen durch Farbauftrag am Bild oder werden umgekehrt, durch materiale Auslassung, durch eine Leerstelle generiert.

Auf den Leinwänden zeigt sich die Maltechnik in dünnen transparenten Schichten von Acryl. Einzelne Farbflächen beziehungsweise der Fond sind entweder homogen monochrom oder häufig in toniger Abstufung eines Farbwertes (von Rot oder Braun, Blau, Grau, Schwarz oder Weiß) in einer malerischen Pinselschrift angelegt. Aus der spezifischen Malweise entsteht eine vibrierende Oberfläche, ein atmosphärischer Farbkörper mit einer tiefen Wirkung, der in seiner großflächigen Dimension den minimalistischen Lineaturen bzw. den opaken Flächenformen kontrastreich gegenübertritt.

Gertrud Weiss-Richter verbindet das prototypische Vokabular und die rationalen Prinzipien der Konstruktivisten und Konkreten, sowie die ästhetischen Methoden der amerikanischen Farbfeldmalerei, mit intuitiven Abweichungen. Die Dominanz des Geometrischen und des Logischen taucht in eine enigmatische, abstrakt-lyrische Farbwelt. Und auf diese Weise kehren das Subjektive, Individuelle, die Sinnlichkeit und Emotion ins Werk zurück.



© Christine Wetzlinger-Grundnig



(1) Theoretisch wird dieses Interesse in Ausstellungsbesuchen während langjähriger Auslandsaufenthalte in den 1960er- und 70er-Jahren in Paris, Los Angeles und New York befriedigt. Rezipiert wurden die geometrischen Richtungen, die Farbfeldmalerei, die Op Art und die Kinetische Kunst, die zu diesem Zeitpunkt aber noch keinen Einfluss auf das Œuvre gewinnen.




Gertrud Weiss-Richter, o.T., 2013, Fotografie, Digitaldruck auf Dibondplatte kaschiert, 150 x 100 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020/2021, Foto: F. Neumüller

Gertrud Weiss-Richter, o.T., 2002, Acryl auf Leinwand, 145 x 170 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller




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