fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept



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Nita TANDON
(*1959, Ajmer, IND)


Nita Tandon studierte Malerei bei Maria Lassnig an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1980–1986), ließ allerdings schon bald jede Form der herkömmlichen Malerei hinter sich. Dies spiegelt auch das Wandobjekt von 1993 („Safe I, II“) wider, das aus flachen, furnierten Platten eines Möbelstücks (das ursprüngliche Möbelstück scheint aus den 1960er- bis 1970er-Jahren zu stammen) und aus schrägwinkligen Betonteilen besteht. Die von ihr verwendeten Formelemente sind einfach und geometrisch. Die Abkehr von jeder Art der Mimesis und von allem „künstlerischen“ (in Form eines ungeplant-spontanen Schaffensaktes) führt zu einer fesselnden Unmittelbarkeit in der Wirkung ihrer Objekte auf den Betrachter. In geplanter, konstruktiver Herangehensweise installiert sie Wandreliefs und Wandobjekte, die zwischen Zwei- und Dreidimensionalität angesiedelt sind. Die divergierende Oberflächenstruktur der verwendeten Stoffe und Gegenstände wird dabei zu einem wesentlichen Teil der Arbeiten. So zeigt die Arbeit „Safe I, II“ einerseits das Spröde von Beton, andererseits die Glattheit der furnierten Holzteile. Bei der Betrachtung des Objekts springt der Blick von einer flächigen Lesart zu einer räumlichen: Durch die Schräge der Betonteile ergibt sich eine perspektivische Sicht, das Werk erscheint als Quader. Dadurch gewinnt die Arbeit an Leichtigkeit, was eine paradoxe Wirkung erzeugt angesichts der Massivität und Schwere der Materialien.

In der gezeigten Arbeit kommt die Wirkung von Farbe allein durch die Materialien zustande, aus denen die Objekte gefertigt sind. Trotz der Aussparung der persönlichen Handschrift bleibt ein bildhafter Charakter bestehen, wenn auch die Idee von „Bild“ auf das absolute Minimum reduziert wird – und gerade dadurch neue, von historischen (und auch akademischen) Lasten entleerte Freiräume schafft. Die Künstlerin fragt sich, ob das Subjekt der Malerei (der gegenständlichen) eine Art Illusion darstelle, die Leinwand eine Begrenzung, innerhalb derer etwas erzählt wird. „Für mich war die Darstellung nur ein Teil des Ganzen, daher kippten die Betonblöcke aus dem Bild. Die Malerei spielte hier noch eine Rolle. In weiterer Folge stellte sich die Frage, welche Rolle die Farbe in dem Bild zu spielen hatte, es verschwand auch dieses Element. Die Bilder wurden selbst zum Darzustellenden […] die Bilder wurden Teil des Raumes, modellhafte Objekte, die in einem Zustand zwischen Zwei- und Dreidimensionalität schweben (1).“

So radikal und unorthodox Nina Tandon in ihrem neo-avantgardistischen Kunstschaffen Akzente setzt, so subtil und anspielungsreich sind ihre Arbeiten. Das Gedankliche und die Idee spielen dabei eine große Rolle und die konzeptionell angelegten Verweise spielen vielfach auf die existenziellen Fragen der Kunst an, wobei sie die Demontage des Kunstbegriffs nur bis zu dem Punkt vollzieht, an dem sich die Quelle für eine radikale Neugestaltung öffnet.



© Sonja Traar


(1) Zitat von Nita Tandon, in: Patricia Grzonka, „Sublimer Reality-Check. Nita Tandons anspielungsreiche Raumaneignungen“, in: Dimensions of the Surface, Universität für angewandte Kunst (Hg.), Ambra Verlag, Wien 2014, S. 115.






Nita Tandon, Safe I, 1993, Eichenholz, Beton, 78 x 91,5 x 2,5 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Nita Tandon, Safe II, 1993, Mahagoniholz, Beton, Kunststoff, 68,5 x 87,5 x 2,5 cm, Courtesy Kunstsammlung des Landes Kärnten/MMKK, Foto: F. Neumüller

Ausstellungsansicht "fokus sammlung 06. ABSTRAKT. geometrie + konzept", MMKK 2020, Foto: F. Neumüller




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